In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962
brach die größte Flutkatastrophe über die deutsche Nordseeküste und die Unterläufe von Elbe und Weser
seit über hundert Jahren herein. Insgesamt waren 340 Tote zu beklagen.
Film von der Sturmflut Hamburg 1962 Teil 1
Film von der Sturmflut Hamburg 1962 Teil 2
Bei der Sturmflut von 1962 kam es zu einer Flutkatastrophe an der deutschen Nordseeküste, und an den Unterläufen von Elbe und Weser sowie ihren damals noch ungesicherten Nebenflüssen wurden hohe, vorher nicht beobachtete Wasserstände erreicht. Vor allem an den seit der Flutkatastrophe von 1953 (Hollandsturmflut) noch nicht erhöhten Deichen in diesen Flussgebieten kam es zu schweren Schäden und zahllosen Deichbrüchen, wohingegen die Seedeiche trotz schwerer Schäden bis auf wenige Ausnahmen den Fluten stand hielten. Insgesamt waren 340 Tote zu beklagen.
Außergewöhnlich schwer betroffen war das Unterelbegebiet mit der Hansestadt Hamburg, wo vor allem der Stadtteil Wilhelmsburg durch Deichbrüche in Mitleidenschaft gezogen wurde; dort starben die meisten der in Hamburg insgesamt zu beklagenden 315 Todesopfer. Ursächlich für das Ausmaß der Katastrophe in Hamburg waren neben technisch völlig unzureichenden Deichen gravierende städtebauliche und verwaltungsorganisatorische Mängel.
Entwicklung der Wetterlage
Der Orkan Vincinette, der in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 die gesamte deutsche Nordseeküste treffende Sturmflut auslöste, stand am Ende einer seit Dezember 1961 andauernden stürmischen Westwind-Wetterlage.[1]
Bereits am 12. Februar 1962 war die gesamte deutsche Nordseeküste von einer schweren Sturmflut betroffen, die allerdings mit Wasserständen von etwa 2 Metern über dem mittleren Tidehochwasser bei weitem nicht die Rekordwerte erreichte, wie sie fünf Tage später an allen Nordsee-Pegeln östlich Bensersiels sowie in den Stromgebieten von Ems, Weser und Elbe sowie deren Nebenflüssen zu verzeichnen war. Dieses Tief hatte sich in den Vortagen in der Irmingersee entwickelt und lag am 11. Februar mit einem Kerndruck von 975 Hektopascal über dem Seegebiet südwestlich von Island und am 12. Februar 1962 dann mit einem Kerndruck von 953 Hektopascal über Südschweden.[1]
Dieses dem die Sturmflut hervorrufenden Orkan vorausgehende Tief hatte in der Irmingersee ein Teiltief hinterlassen, so dass hinter dem nach Osten abziehenden Orkantief vom 12. Februar die über Grönland und Labrador bereitstehende Kaltluft nur begrenzt nach Süden vorstoßen konnte. Trotzdem kam es in der Zeit zwischen dem 12. und 15. Februar 1962 im nördlichen Nordseeraum zu wiederholten Kaltlufteinbrüchen mit stürmischen nordwestlichen Winden, so dass bereits zu diesem Zeitpunkt sehr viel Wasser aus dem Europäischen Nordmeer in die Nordsee gedrückt wurde.[2]
Am 12. Februar 1962 bildete sich aus dem in der Irmingersee zurück gelassenen Teiltief ein eigenständiges Tiefdruckgebiet. In der Folgezeit zog dieses durch die Steuerung eines weit nach Norden vorgeschobenen Azorenhochs unter stetiger Vertiefung zunächst in den Raum nordwestlich Islands. Am 16. Februar erreichte es die mittelnorwegische Küste im Raum Trondheim und zog anschließend in südöstlicher Richtung in den Raum Stockholm, wo es mit einem Kerndruck von 950 Hektopascal den tiefsten Luftdruck erreichte.[3][1]
In den Abendstunden des 16. Februars 1962 bildete das weit nach Norden vorgeschobene Azorenhoch einen kräftigen Keil über den Britischen Inseln, so dass die Seegebiete der Nordsee unter den Einfluss von immer schärfer ausgeprägten Luftdruckgradienten gerieten.[4]
Am Donnerstag, dem 15. Februar, wurde um 21 Uhr erstmals eine Sturmwarnung für die Nordsee mit Stärke 9 über Norddeich-Radio gesendet und die Sturmsignale in Küstenhäfen gesetzt. In den späten Abendstunden wurde eine starke Windzunahme an der gesamten deutschen Küste sowie eine Drehung von südwestlichen auf westliche Richtungen beobachtet. Am 16. Februar erreichte das Sturmfeld des von Island aus über das Europäische Nordmeer nach Südschweden ziehenden Orkantiefs die Nordsee. In den Seegebieten der nördlichen Nordsee sowie im Skagerrak traten Windgeschwindigkeiten jenseits des Messbereiches der damaligen Windmessgeräte auf.[5] Ab etwa 10 Uhr am Vormittag des 16. Februars herrschte im Seegebiet der Deutschen Bucht Weststurm mit 9 Bft. im stündlichen Mittel.[6]
Infolge der sich stetig verschlechternden Wetterlage wurde am Morgen des 16. Februar 1962 die Sturmwarnung der Cuxhavener Wetterlage mit einem Hinweis versehen, dass möglicherweise eine sehr gefährliche Sturmflutlage zu erwarten sei.[7]
In den Mittagsstunden drehte der Sturm auf nordwestliche Richtungen und nahm weiter zu, so dass bei der dem Mittagshochwasser nachfolgenden Ebbe das Wasser nur unwesentlich fiel. In Bremen und Hamburg entsprach das gegen 20 Uhr eintretende Niedrigwasser etwa dem normalen Tidehochwasser. In den Abendstunden verschärfte sich nach dem Durchzug der Kaltfront des Tiefs in der nun einströmenden sehr labilen Kaltluft polaren Ursprungs die Wetterlage dramatisch. Mit Durchzug eines Höhentrogs nahm der Wind aus nordwestlichen Richtungen auch im küstennahen Binnenland noch einmal stark zu; dabei wurden in den Seegebieten der Deutschen Bucht im Mittel Windstärken von 9 bis 10 Bft. gemessen, in Böen 12 Bft. Gleichzeitig traten vermehrt Gewitter-, Graupel- und Schneeregenschauer auf. Der Sturm dauerte auch noch am 17. Februar weiter an, bis in den Folgetagen die eingeflossene Polarluft unter Hochdruckeinfluss geriet und sich eine längere Frostperiode einstellte, die in den überfluteten Gebieten zur Ausbildung geschlossener Eisdecken führte.
Verlauf der Tide
Mit Ausnahme der Küstenpegel des Seegebiets westlich von Bensersiel wurden bei der Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar an allen Pegeln an der deutschen Nordseeküste sowie an den Pegeln von Ems, Weser und Elbe sowie deren damals noch nicht von Sperrwerken geschützten Nebenflüssen die höchsten bisher verzeichneten Wasserstände festgestellt.
Auf Grund des seit den Abendstunden des 15. Februars stark auffrischenden Windes waren an den Pegeln im gesamten Nordseeküstenbereich sowie in den Flüssen bereits bei der Tide am Mittag des 16. Februars deutlich erhöhte Werte von etwa 2 m über dem vorausberechneten Tidehochwasser festzustellen.[8] Diese Tide führte bereits zur Füllung der nur von Sommerdeichen geschützten Sommerpolder. Mit der sich weiter verschlechternden Wetterlage und der Drehung des Windes auf Nordwest wurde ein Ablaufen der mittäglichen Haupttide weitgehend gebremst, so dass das Tide-Niedrigwasser am frühen Abend des 16. Februars vielerorts der Höhe eines normalen Tidehochwassers entsprach.
Mit Wiederauflaufen der Flut wurde sowohl an der Nordseeküste, als auch in den Flüssen ein rasches und sehr starkes Ansteigen der Wasserstände beobachtet, da diese auf bereits gefüllte Sommerpolder traf und so sehr schnell zu den Hauptdeichen vordrang. Gegen 21 Uhr kam der Fährverkehr auf der Unterweser, der Oste, der Stör sowie der Unterelbe infolge der Überflutung der Zufahrtsstraßen und der Schließung der Deichscharte (Stöpen) zum Erliegen. Zu diesem Zeitpunkt kam es an den Seedeichen sowie auf den Ostfriesischen Inseln bereits zu äußerst kritischen Situationen.
Nordseeküste und Inseln
Schleswig-Holsteinisches Küstengebiet
An der Westküste Schleswig-Holsteins brachen die Deiche am Uelvesbüller Koog in Eiderstedt sowie am unbewohnten Dockkoog bei Husum. Die Festlandsdeiche wiesen auf einer Länge von rund 150 Kilometern schwere bis schwerste Schäden durch Ausschläge an den Aussenböschungen sowie Abrutschungen der Binnenböschungen auf; bei Büsum konnte eine Zerstörung des Seedeiches nur knapp verhindert werden.
Auf Grund der rechtzeitigen Warnung der Bevölkerung und Alarmierung der Einsatzkräfte durch die zuständigen Behörden blieb es an der schleswig-holsteinischen Westküste bei Sachschäden.
Schleswig-Holsteinische Nordseeinseln
Auf den Nordseeinseln kam niemand ums Leben, aber die Warftböschungen wiesen Unterspülungen und Einbrüche aus. Zudem waren die Süßwasserspeicher vom Salzwasser der Nordsee verdorben und die Abwassergruben überspült, sodass die Fäkalien wieder über die Abflüsse und Toiletten in die Häuser zurück gedrückt wurden. Auf Amrum und Sylt kam es zu massiven Dünenabbrüchen. So trennte die Sturmflut Hörnum vorübergehend vom Rest der Insel.
Auf den Halligen wurden fast alle Häuser zerstört oder mussten abrissen werden. Das Mobiliar wurde durch das Wasser zerstört und die eingelagerten Vorräte waren ungenießbar geworden. Zahlreiche Tiere wie Schafe und Rinder ertranken in den Wassermassen.
Niedersächsisches Küstengebiet
Im gesamten niedersächsischen Küstengebiet wurden v.a. die erst kurz vor der Flut verstärkten und somit noch nicht völlig verfestigten Seedeiche sowie noch nicht verstärkte Deichabschnitte zum Teil schwer beschädigt. Besonders betroffen waren dabei die Deichabschnitte vor dem Augustgroden an der Ostseite des Jadebusens sowie am Kanalpolder am Dollart, die während des Höchststandes der Flut in den Abendstunden des 16. Februar 1962 unter schwerer Brandung lagen und teilweise mehrere Stunden lang von auflaufenden Wellen überspült wurden. Durch massiven Wellenschlag wurden die Außenböschungen der Deiche fast völlig zerstört, die z.T. noch viel zu steilen Binnenböschungen rutschten großflächig ab. Im Raum Pogum (Dollart) wurden damals noch unmittelbar am Seedeich stehende Häuser von abrutschenden Erdmassen verschüttet.[9]
Insbesondere am Jadebusen erwies sich das Fehlen von ausreichend ausgebauten Deichverteidigungswegen als großes Problem. So konnte das zur Deichverteidigung notwendige Material zunächst nicht mit LKWs an die Schadensstellen gefahren, sondern musste über Kilometer per Hand getragen werden, was die Sicherungsmaßnahmen erheblich erschwerte.[10]
Zwischen Norddeich und Wilhelmshaven wurden die schaar liegenden Seedeiche z.T. erheblich beschädigt. Der nicht verstärkte Deich am Maadesiel in Wilhelmshaven hielt den anstürmenden Wassermassen nicht stand und wurde völlig zerstört. Schwer beschädigt wurde auch der Seedeich zwischen Bremerhaven und Cuxhaven. Bei Berensch-Arensch kam es dabei neben dem Bruch des Maadedeichs bei Wilhelmshaven zum einzigen Deichbruch im unmittelbaren niedersächsischen Nordseeküstenbereich. In den Häfen von Dornumersiel, Wremen und Spieka-Neufeld wurden dort liegende Fischkutter von der Flut aus der Verankerung gerissen und zum Teil an den Deich getrieben und zerstört. Dies führte zu schweren Schäden an den betreffenden Deichabschnitten.[11]
Im Stadtgebiet von Cuxhaven kam es im Ortsteil Duhnen zu einem Deichbruch; andere Deichstrecken wurden durch Wellenschlag an den Außenböschungen z.T. schwer beschädigt. Ebenso wurden weite Teile des Hafengebiets überflutet, wobei bei den dort ansässigen Gewerbebetrieben schwere Schäden entstanden. Überflutet wurden im Stadtgebiet auch der Hafendeich sowie die auf dem Hauptdeich nördlich des Bahnhofs verlaufende Neufelder Straße, was zu Überflutung der unmittelbar dahinter gelegenen Häuser sowie des Cuxhavener Bahnhofs führte. Außerdem drang das Wasser im Bereich des Seebads Sahlenburg nördlich des Wernerwalds weit ins Binnenland ein.[12]
Niedersächsische Nordseeinseln
Auf den Ostfriesischen Inseln kam es infolge der Sturmflut zu schweren Sachschäden und umfangreichen Überflutungen in den damals noch unzureichend durch Seedeiche geschützten Grodenbereichen auf der Südseite der Inseln. Auf Borkum brach der das Ostlanddorf schützende Deich, ebenso wurde die Bahnanlage der Borkumer Kleinbahn im Bereich des Reededamms teilweise zerstört. Auf allen Inseln kam es zu schwerwiegenden Dünenabbrüchen.
Besonders schwere Schäden entstanden an den schweren Deckwerken der Westköpfe von Norderney, Baltrum, Spiekeroog und Wangerooge. Die oberen Bereiche der Deckwerke befanden sich während der gesamten Sturmflut über Stunden im direkten Brandungsbereich und wurden auf Grund der extremen mechanischen Beanspruchung durch die schätzungsweise 4 bis 5 Meter hohen Brandungswellen völlig zerschlagen.[13]
Elbegebiet
Schleswig-Holsteinisches Elbegebiet
Sturmflutmarke am Deich in der Haseldorfer Marsch, hier in Hohenhorst
Während es an den schleswig-holsteinischen Elbdeichen zu keinen Deichbrüchen kam, wurden die 1962 noch nicht von Sperrwerken geschützten Niederungen von Stör, Krückau und Pinnau mit ihren unzureichenden Deichen schwer betroffen. In Itzehoe, Elmshorn und Uetersen entstanden schwere Schäden. Nur ein Menschenleben war hier jedoch ebenfalls auf Grund der rechtzeitigen Warnung der Bevölkerung und dem rechtzeitigen Alarmieren der Einsatzkräfte zu beklagen.
Wassermassen überfluteten Teile der Haseldorfer- und Seestermüher Marsch von Wedel bis an die Krückau. Nur durch den gemeinsamen Einsatz der Bundeswehr mit etwa 1500 Soldaten, den Deich – und Ortsfeuerwehren, dem Technisches Hilfswerk und vieler freiwilligen Helfer wurde eine komplette Überschwemmung verhindert. Insgesamt wurden rund 300.000 Sandsäcke bei diesem Vorhaben bewegt. [14] Nur das Vorland und die Bauernhöfe von Idenburg, Giesensand und der Hetlinger Schanze im Hetlinger Vorland wurden Meterhoch überflutet.[14] Das Hochwasser erreiche hier den höchsten Stand von 5,83 Meter über Normalnull (Haseldorfer Hafen). In Wedel zerstörten die Wassermassen vollständig das Strandbad und rissen Umkleidekabinen und die Rettungsstation der DLRG mit. Boote und Schiffe wurden losgerissen und schwer beschädigt. Die Einfassungsmauer des Schulauer Fährhauses stürzte ein und Teile der Stadt standen unter Wasser. [15]
Störgebiet
Auch im Einzugsgebiet der Stör kam es zu großflächigen Überflutung und zu Deichbrüchen. In Wewelsfleth richtete die Sturmflut Schäden von rund 630.000 D-Mark an. In weiteren Verlauf der Stör brach der Stördeich bei Heiligenstedten und bei Münsterdorf auf eine Länge von 60 Metern und überflutete weite Teile das Hinterlands. Infolge wurde das Industriegebiet, die Alsen Zementfabrik und die Itzehoer Innenstadt überflutet. Dort wurden die Eisenbahnstrecke Hamburg-Westerland und Bundesstraße 5 unpassierbar. Die Schäden durch die Wassermassen in Itzehoe wurden auf 14 bis 15 Million D-Mark geschätzt. Im Hinterland kam ein Rentner und 50 Stück Nutzvieh ums Leben. [16]
Gebiet der Krückau
Im Bereich des 1962 noch nicht durch ein Sperrwerk geschützten Einzugsgebiets der Krückau kam es zu großflächigen Überflutungen. Besonders schwer betroffen war dabei das Stadtgebiet von Elmshorn, dessen Altstadt fast vollständig überflutet wurde. Dabei kam es zu schweren Sachschäden, Häuser stürzten ein. Besonders traf es die Bewohner des städtischen Altenheims „Elbmarsch“, Dort wurden die alten Leute aus den im Wasser schwimmenden Betten geholt und zunächst auf die Tische ihrer Zimmer gehoben bis Retter sie in Boote und Bergungsfahrzeuge trugen.[15] Menschenleben waren jedoch nicht zu beklagen[17]
Gebiet der Pinnau
Schon am 12. Februar fegte ein schwerer Orkan der Stärke 12 mit starken Regenschauern über Uetersen, entwurzelte Bäume und deckte ganze Dächer von Wohnblocks ab. Herumfliegende Dachziegel beschädigten parkende Autos. Nach ersten Schätzungen lag der Sachschaden bei rund 150.000 DM. [18]In Haselau richtete der schwere Sturm einen Schaden von etwa 20.000 DM am Turm der Hl. Dreikönigskirche an.[14]
Von der Elbe wurde das Wasser mit einer Flutwelle in die Pinnau gedrückt, der Fluss wurde zum reißenden Strom und überflutete von Stichhafen aus die Uetersener Innenstadt und die Klosteranlagen.[15] Ab Mitternacht bis vier Uhr Morgens erreichte das Hochwasser den höchsten Stand von 4,09 Meter über Normalnull. Helfer von den umliegenden Feuerwehren, eine Staffel des Fluganwärterregiments vom Fliegerhorst Uetersen und dem Ortsverband des Bundesluftschutzverbands sowie unzählige freiwillige Helfer waren bis zum 28. Februar im Einsatz. In der Nähe des Werksgelände von Harles und Jentzsch war der Pinnaudeich auf vier bis fünf Meter breite zerbrochen. Mehrere Tage lang schleppten dort Freiwillige und Soldaten bis zur Erschöpfung Sandsäcke, rammten Pfähle ein und legten Faschinen um das Loch wieder zu schließen.
Im weiteren Verlauf überflutete die Pinnau Teile von Pinneberg. Die „Pinnau-Siedlung“ der Stadt wurde aus Sicherheitsgründen evakuiert. Die Bilsbek, ein Bach der Pinnau überflutete große Wiesengebiete in Prisdorf, das Wasser floss erst nach Tagen wieder ab. [15]
Niedersächsisches Elbegebiet
Im gesamten niedersächsischen Elbegebiet zwischen Cuxhaven und Geesthacht kam es bei der Sturmflut zu schweren Schäden an den Deichen und zahlreichen Deichbrüchen, da die Sturmflut in dieser Region auf vielfach noch nicht verstärkte und unzureichend hohe Deiche traf; bei den Überflutungen kamen mindestens 21 Menschen ums Leben, darunter auch vier Rettungskräfte.[19]
Besonders schwer betroffen war dabei die Gebiete Südkehdingens unmittelbar unterhalb der Schwingemündung, die Erste und die Dritte Meile des Alten Landes sowie die Gebiete oberhalb Hamburgs westlich der Mündung der Lühe. Große Deichbrüche entstanden bei Bützfleth, durch die Teile Südkehdingens überflutet wurden, sowie an der Schwinge unterhalb Stades, die zu einer Überflutung der Ersten Meile des Alten Landes führten. Bei Stade kamen ein Polizist und drei Bundeswehrsoldaten bei einem Rettungseinsatz auf der Schwinge ums Leben, als ihr Boot in Höhe des Ausflugslokals Symphonie in einen sich plötzlich bildenden großen Deichbruch gesogen wurde. In Stade selbst kam es durch großflächige Überflutungen im Stadtgebiet zu schweren Schäden.
In der Zweiten Meile des Alten Landes hielten die zuvor verstärkten und erhöhten Elbdeiche der Sturmflut weitgehend stand. Trotzdem kam es zu massiven Überflutungen infolge mehrerer Deichbrüche an der Lühe unterhalb des damaligen Sperrwerkes in der Ortschaft Höhen, bei Borstel sowie beim Strandcafé in Cranz. Zahlreiche unmittelbar in Deichnähe stehende Gebäude wurden durch die hereinbrechenden Wassermassen völlig zerstört. Infolge der Flut wurde im Ort Lühe eine Person getötet.
Am schwersten von der Sturmflut war die Dritte Meile des Alten Landes betroffen, die infolge der großen Deichbrüche an der Alten Süderelbe bei Moorburg und Francop von hinten überflutet wurde. Zudem brachen am Rosengarten und im benachbarten Neuenfelde der Deich. Hier kamen insgesamt 13 Personen ums Leben, zahlreiche Häuser wurden vollständig zerstört.
Schwere Zerstörungen erlitten die damals noch nicht durch Hauptdeiche gelegenen Siedlungsgebiete auf der Elbinsel Krautsand und Gauensieckersand sowie in Freiburg (Elbe), wo trotz sofort eingeleiteter Rettungsmaßnahmen insgesamt vier Menschen in ihren einstürzenden, auf unzureichend hohen Wurten errichteten Häusern ums Leben kamen.[20]
Ostegebiet
Am Unterlauf der 1962 noch nicht durch ein Sperrwerk gegen Sturmfluten geschützten Oste, einem Nebenfluss der Elbe, kam es im gesamten Bereich zwischen der Mündung bei Otterndorf und Bremervörde zu zahlreichen Deichüberflutungen und Deichbrüchen. Auf Grund äußerst ungünstiger Untergrundverhältnisse hatten die Deiche hier nur eine sehr geringe Höhe, so dass die Fluten rasch die Deichkrone erreichten und diese überströmten. Insgesamt wurden im damals noch bestehenden Altkreis Hadeln allein an der Oste 8000 ha Land überflutet.[21]
In den von den Überflutungen betroffenen Gebieten entstanden schwere Sachschäden, Menschenleben waren jedoch auf Grund der rechtzeitigen Evakuierung der Bevölkerung und deren rechtzeitiger Warnung durch die zuständigen Behörden nicht zu beklagen, da die Krisenstäbe der zuständigen Kreise bereits am Nachmittag des 16. Februars 1962 zusammen getreten waren und notwendige Abwehrmaßnahmen einleiten konnten .[24]
Hansestadt Hamburg
Bereits kurz nach Mitternacht kam es im Bereich der Süderelbe zu ersten Deichüberflutungen, die sich rasch auf Grund massiver baulicher Unzulänglichkeiten, hierzu gehörten insbesondere Gebäude und Anlagen im Deich, Fremdnutzungen sowie zu steile Innenböschungen, zu Deichbrüchen ausweiteten. Die unmittelbar an den Deichbrüchen stehenden Gebäude wurden vollständig zerstört. Insgesamt brachen die Deiche an mehr als 60 Stellen.
Besonders schwer betroffen war die Insel Wilhelmsburg zwischen Norder- und Süderelbe, die vom Berliner Ufer am Spreehafen aus überflutet wurde. Als verheerend erwies sich dabei der Umstand, dass der hier sehr breit ausgeführte Klütjenfelder Hauptdeich als von im Zweiten Weltkrieg Ausgebombten ständig bewohntes Kleingartengebiet genutzt wurde. Da hier auf Grund der Gartennutzung die für die Deichsicherheit existenziell notwendige geschlossene Grasnarbe fehlte, kam es hier sehr schnell zu großen Auswaschungen, die letztendlich zum Bruch des Deiches führten. Für rund 200 Bewohner der auf dem Klütjenfelder Hauptdeich am Berliner Ufer stehenden Behelfsheime kam jede Hilfe zu spät, da nach dem raschen Vollaufen der vom gebrochenen Hauptdeich nicht mehr geschützten Siedlungsgebiete Wilhelmsburgs Rettungsmaßnahmen nur mit Booten möglich waren. Teilweise wurden die vom Wasser überraschten Menschen von den einbrechenden Wassermassen in die Keller ihrer Häuser gespült und ertranken dort. Insgesamt kamen in Wilhelmsburg 222 Menschen ums Leben.[25] Die Bombenschäden an den Wilhelmsburger Deichen waren nur mit Trümmerschutt ausgebessert worden.[26]
Ebenfalls schwer betroffen war der 1962 noch als Wohngebiet genutzte Stadtteil Waltershof, wo 37 Menschen starben, sowie die Stadtteile Billbrook (13 Tote), Neuenfelde (10 Tote) sowie Moorburg (5 Tote). Durch die großen Deichbrüche im Bereich der Süderelbe zwischen Neuenfelde und Harburg wurden auch weite Teile des zu Niedersachsen gehörenden Hinterlands überflutet. Besonders schwer betroffen waren hier die Orte Rübke und Seefeld.
Überflutet wurden neben dem gesamten Hamburger Hafen sowie der genannten Gebiete auch Teile der Innenstadt im Bereich der Alster sowie der Rödingsmarkt.
Als unmittelbare Folge der Sturmflut waren 318 Tote (davon 5 Helfer), zigtausende Obdachlose und etwa 6.000 zerstörte Gebäude zu beklagen. Knapp ein Sechstel des Hamburgischen Staatsgebietes (120 km²) stand unter Wasser, die Verkehrswege in Richtung Süden sowie – nach großen Deichbrüchen im Raum Moorburg und Francop – ins Alte Land waren unterbrochen, die Grundversorgung eingeschränkt. Insgesamt entstand ein Sachschaden von etwa einer Dreiviertelmilliarde D-Mark. Der Stadtteil Waltershof wurde nach der Flut als Siedlungsort aufgegeben.
Infolge massiver Störungen der Kommunikationsverbindungen war es nicht möglich, genaue Hinweise über das Ausmaß der Katastrophe in Hamburg zu bekommen und Rettungs- und Evakuierungsmaßnahmen noch während der Katastrophe in koordinierter Form durchzuführen. Ebenso wenig war es den Hamburger Behörden möglich, genauere Informationen aus den elbabwärts gelegenen Regionen, insbesondere aus Cuxhaven zu erhalten, da die Fernsprechverbindungen nicht nur gestört, sondern auch nach den großen Deichbrüchen an der Oste zwischen Otterndorf und Bremervörde zerstört waren. Frühere Warnungen der Cuxhavener Behörden waren von den Verantwortlichen der Hamburger Behörden nicht ernst genommen und ins Lächerliche gezogen worden.[27]
Schäden für die Schifffahrt
Trotz der frühzeitigen Orkanwarnungen, die dazu führten, dass viel Schiffe ihr Auslaufen entweder verschoben bzw. in den Häfen Schutz suchten, gerieten infolge des Sturmes zahlreiche Schiffe in Seenot. Dabei kam es mit der Strandung des schwedischen Frachters Silona im Außendeichsgelände bei Balje an der Unterelbe sowie des dänischen Küstenmotorschiffs Dunja auf dem Knechtsand zu zwei spektakulären Strandungen, die jedoch ohne Opfer blieben. In den Fischereihäfen an der niedersächsischen und schleswig-holsteinischen Nordseeküste rissen sich zahlreiche Fischkutter los und wurden teilweise an die Seedeiche getrieben, wo sie von der Brandung zerschlagen wurden.[28][29] Auf der Unterweser riss bei einer Werft in Berne ein Schwimmdock los und trieb flussaufwärts. Dabei beschädigte es einen Fähranleger in Lemwerder schwer und versenkte ein dort liegendes Personenfährschiff, bevor es vor Vegesack in den Bäumen auf dem Schönebecker Sand strandete. Es wurde mit mehreren Schleppern etwa zur Zeit des höchsten Sturmflutwasserstandes vom überfluteten Aussendeichsgelände abgeborgen.[30] In Wedel wurden Boote und Schiffe losgerissen und schwer beschädigt. Die Landungsstege und Fähranleger der Hadag mit der Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm-Höft und der Lühe-Schulau-Fähre wurden davongerissen . [15]
Unterweser
Bremen und Bremerhaven
Sowohl in Bremen, als auch in Bremerhaven kam es insbesondere in den nicht von Deichen geschützten Gebieten zu schweren Sachschäden. An der Ochtum wurde der gesamte Niederungsbereich zwischen Lemwerder und Stuhr sowie Teile des nördlichen Stadtgebiets von Delmenhorst überflutet. Zwischen den Ortsteilen Strom und der nördlichen Bremer Neustadt wurde der Ochtumdeich überströmt, so dass das gesamte Niedervieland überflutet wurde. Dabei wurden die Deiche zwar zum Teil schwer beschädigt, zu Deichbrüchen kam es auf dem Bremer Stadtgebiet jedoch nicht. Ebenfalls überflutet wurden die mit Behelfsheimen bebauten Kleingärten in Huchting, auf dem Woltmershauser Groden sowie auf dem Stadtwerder; insgesamt mussten hier mehrere hundert Menschen z.T. mit Booten evakuiert werden. Hier kamen insgesamt sieben Personen, ausnahmslos Menschen, die sich trotz dringender Warnung geweigert hatten, ihr Behelfsheim zu verlassen, ums Leben.[31]
Infolge der Flut wurde in Bremen das Wohnen in den Überschwemmungsgebieten verboten. Der Bremer Senat unter Wilhelm Kaisen errichtete den betroffenen Bewohnern Ersatzdomizile in hochwassergeschützen Stadtgebieten (z.B. Flutgeschädigtensiedlung in Huchting).
In Bremerhaven (Bereich Deutsches Schiffahrtsmuseum und Tiergrotten) sowie in Weddewarden konnte auf Grund frühzeitiger Warnungen und Einsatzaktivierungen (ab 17.00 Uhr) der bedrohte Weserdeich mit Hilfe des Technischen Hilfswerkes und der amerikanischen Streitkräfte gehalten werden. Das Stadtgebiet selbst sowie die Geesteniederung wurden durch das erst kurz zuvor fertig gestellte Geestesperrwerk wirksam geschützt.
Niedersächsisches Unterwesergebiet
Nachdem schon am Mittag des 16. Februar 1962 die Vorländer zwischen der Mündung der Hunte und der Ochtum überflutet worden waren, zeichnete sich während des Tideniedrigwassers eine deutliche Verschärfung der Situation in den Nachtstunden ab. Bereits gegen 22:30 Uhr, rund eineinhalb Stunden nach Eintritt des Tideniedrigwassers, waren die Zufahrtsstraßen zu den Weserfähren Vegesack-Lemwerder, Blumenthal-Motzen und Berne-Farge so hoch überflutet, dass der Fährverkehr eingestellt werden und sämtliche im Deich befindlichen Deichscharte geschlossen werden mussten. Ebenso musste der Zugverkehr auf der Bahnstrecke Hude–Blexen im Bereich der Bahnhöfe Elsfleth, Nordenham und Blexen eingestellt werden.
Das sehr stark ansteigende Wasser und der damit einhergehende zunehmende Seegang auf den überfluteten Außendeichsflächen führten dazu, dass ab etwa Mitternacht die Deiche zunehmend durch Wellenschlag überflutet wurden. Da die noch nicht den neuesten Anforderungen genügenden Deiche eine viel zu steile Innenböschung aufwiesen und in weiten Abschnitten bebaut waren, kam es vielfach zu Rutschungen und zu einem Verschütten der Deichverteidigungswege. Im Raum Warfleth sowie in dem zur Stadt Brake (Unterweser) gehörenden Ortsteil Käseburg weiteten sich diese Rutschungen nach Erreichen des Höchstwasserstandes zu zwei Deichbrüchen aus. Allein der Umstand, dass diese Brüche bei fallendem Wasserstand eintraten, führte dazu, dass die Überflutungsgebiete begrenzt waren und die Bruchstellen bis zum Mittagshochwasser am 17. Februar 1962 wieder geschlossen werden konnten. Im Stadtgebiet von Elsfleth bewährte sich dagegen die neu errichtete Flutmauer und verhinderte eine Überflutung der Stadt sowie der dahinter gelegenen Gebiete.[32]
Auf Grund der rechtzeitigen Warnung der Bevölkerung sowie der rechtzeitigen Alarmierung ziviler und militärischer Hilfskräfte durch die Behörden kam es im niedersächsischen Unterwesergebiet zwar zu schweren Sachschäden, Menschenleben waren jedoch nicht zu beklagen.[33]
Am östlichen Weserufer zwischen Bremerhaven und der Landesgrenze Bremen wurde ebenfalls streckenweise die Deichkrone der seit 1953 noch nicht erhöhten Deiche überflutet. Dabei kam es zu schweren Schäden an den Deichen, zu Deichbrüchen und zu Personenschäden kam es jedoch auf Grund rechtzeitiger Warnungen nicht. Bei der Zuspitzung der Lage am Hauptdeich wurden die Orte Rade und Aschwarden noch während der Flutnacht durch die Behörden evakuiert. Großflächige Überflutungen von hinter den Hauptdeichen befindlichen Gebieten blieben aus.[34]
Schwere Schäden entstanden auch auf den nicht durch Hauptdeiche geschützten Weserinseln, wie dem Elsflether Sand, dem Harriersand sowie auf der Strohauser Plate. Hier standen die auf unzureichend hohen Wurten errichteten Gebäude, die nur vor Sturmfluten bis zu einem Wasserstand von NN + 4,50 m geschützt waren, mit ihren Stallungen und Wohnräumen über Stunden hoch unter Wasser.
Krisenmanagement
Krisenmanagement in Bremen und Bremerhaven
Im Gegensatz zu Hamburg wurde die Gefahrenlage in Bremen und Bremerhaven bereits am frühen Abend erkannt, nachdem es bereits am Nachmittag am Hasenbührener Umdeich in Bremen-Strom zu einem ersten Deichschaden gekommen war und auf Grund des sich rapide verschlechternden Wetters davon ausgegangen werden musste, dass das Nachthochwasser einen deutlich höheren Wasserstand erreichen würde, als das am Mittag des 16. Februar 1962.
Noch vor Eintreten des Tideniedrigwassers standen ab 19:00 Uhr erste Unterkünfte für Evakuierte im Raum Lesum zur Verfügung, ab 22:00 Uhr waren Turnhallen in der Bremer Neustadt für Obdachlose und Evakuierte geöffnet. Eine Warnung an die Bevölkerung in den gefährdeten Gebieten, hierbei handelte es sich um Kleingärten mit Behelfsheimen von Ausgebombten aus dem Zweiten Weltkrieg, erfolgte durch Lautsprecherwagen der Polizei ab 21:00 Uhr, also zum Zeitpunkt des der eigentlichen Sturmflut vorausgehenden Tideniedrigwassers.
Auf Grund der rechtzeitigen Alarmierung von Bundeswehr, Feuerwehr, Polizei und Technischem Hilfswerk konnte das Brechen des Lesumdeiches bei Lesumbrook und somit die Überflutung des niedrig gelegenen Bremer Stadtgebietes verhindert werden.[35]
Die Hauptlast im Bereich der Deichverteidigung sowie bei den an der Küste sowie in den Gebieten außerhalb Hamburgs noch in den Abendstunden anlaufenden Rettungsmaßnahmen lag bei den zahlreichen Freiwilligen Feuerwehren, dem Technischen Hilfswerk, bei der Polizei sowie bei der in den späten Abendstunden im Rahmen der Nothilfe nachalarmierten Bundeswehr der küstennahen Standorte und den damals in Bremerhaven stationierten US-Streitkräften.
Vielerorts traten bereits in den Nachmittagsstunden des 16. Februars 1962 erste Krisenstäbe in den Kreisverwaltungen der küstennahen Landkreise zusammen.[36] Dies führte zu dem Umstand, dass bereits am frühen Vormittag des 17. Februars, als in Hamburg die Rettungsaktion erst anlief, an der Nordseeküste sowie im Weser- und Emsgebiet bereits die Aufräumarbeiten sowie die Arbeiten zur Beseitigung der Schäden auf Hochtouren liefen.
Krisenmanagement im Kreis Pinneberg
Im Kreishaus und der Polizeiinspektion Pinneberg sowie In den Rathäusern der Kreisstadt und den am stärksten betroffenen Städten Elmshorn, Uetersen und Wedel wurden die Rettungskräfte von Katastropheneinsatzstäben koordiniert. Dabei wurden diese von der Landespolizei in Neumünster unterstützt, die zwischen den Einsatzstäben und den Rettungskräften die Kommunikation aufrecht erhielt. So fuhren Tag und Nacht Einsatzwagen durch das Kreisgebiet bis Telefonverbindungen wieder hergestellt waren. Die Stromversorgung der lebenswichtigen Betriebe, wie Meiereien, Wasserwerke und Krankenhäuser wurde durch umschalten im Rahmen des Stromverbundsystems aufrecht erhalten. [15]
Krisenmanagement in Hamburg
Nachdem in Hamburg die Gefährlichkeit der Lage bis in die späten Abendstunden seitens der Behörden verkannt und dringende Warnungen aus den Küstenorten nicht ernst genommen worden waren,[37] verloren die zuständigen Behörden aus Polizei und Feuerwehr nach dem Zusammenbruch jeglicher Telefon- und Verkehrsverbindungen ab Mitternacht vollständig den Überblick über die tatsächliche Lage.
Eine Warnung der Bevölkerung in den bedrohten Kleingartengebieten fand entweder nur unzureichend durch vereinzelte Polizeibeamte oder überhaupt nicht statt, da die bestehenden Pläne zum einen keine Evakuierung der Bevölkerung vorsahen, zum anderen die Leitstelle der Polizei überhaupt nicht von der Gefährlichkeit der sich immer weiter zuspitzenden Lage informiert worden und zudem nur mit einem einzigen Beamten besetzt war. Die zuständige Baubehörde sah aus der Sorge, möglicherweise einen blinden Alarm auszulösen, ebenfalls von einer Alarmierung ab.[38]
Auch die Warnung der Bevölkerung durch das Deutsche Hydrographische Institut über Rundfunk und Fernsehen erwies sich aus organisatorischen Gründen als unzureichend: eine Unterbrechung der bei der Bevölkerung damals sehr beliebten Fernsehserie “Familie Hesselbach” war nicht möglich, so dass die Warnung erst im Anschluss ausgestrahlt werden konnte, als die in den gefährdeten Gebieten wohnenden Menschen längst im Bett waren.[39]
Schon nach den ersten Deichüberflutungen waren die besonders schwer betroffenen Katastrophengebiete in Wilhelmsburg, Moorburg, Francop und Neuenfelde auf dem direkten Landweg nicht mehr zu erreichen, sondern nur über den Umweg über Lauenburg. Unterbrochen waren hier auch die Autobahn sowie alle Eisenbahnverbindungen. Die Überflutung der Kabelschächte und der Kraftwerke führte binnen kurzer Zeit zu einem totalen Strom- und Telefonausfall in den betroffenen Gebieten. Die noch funktionierenden Telefonleitungen waren durch ständig eintreffende Notrufe blockiert.
Funkamateure unterstützten die Behörden, und nahmen den Notfunkbetrieb auf. Am Sonntagmorgen wurde im 9. Stockwerk des am Hauptbahnhof gelegenen Bezirksamtes im City-Hochhaus eine Amateurfunk Feststation eingerichtet, beim Ortsamt Finkenwerder kamen eine Feststation und bei den beiden anderen Ortsämtern bewegliche Stationen zum Einsatz. Über 400 Funksprüche weitgehend im 80-m-Band wurden in Laufe von 29 Stunden bis zum Montagabend abgesetzt oder empfangen, Hilferufe nach Medikamenten, nach Essen und Ärzten angenommen und weitergeleitet, Telegramme an Angehörige aufgenommen und Nachrichten an andere Behörden und Privatpersonen vermittelt. [40]
Unklare Entscheidungswege, konkurrierende Zuständigkeiten und das Fehlen praktikabler Katastrophenschutzpläne erschwerten die Situation zusätzlich; wichtige Amtsleiter, aber auch der Bausenator Büch blieben zu Hause, auch nachdem um 0:30 Uhr in der Hansestadt der Ausnahmezustand verhängt worden war.[41] Eine zentrale Koordination des Rettungseinsatzes war bis zum Erscheinen des damaligen Innensenators Helmut Schmidt, der ab dem Morgen des 17. Februars die zentrale Einsatzleitung für das Hamburger Stadtgebiet übernahm, nicht möglich.
Einen anfänglichen Überblick über das Ausmaß der Katastrophe bekamen die Zuständigen erst in den Vormittagsstunden des 17. Februars. Nach den bis dahin eingegangenen Meldungen war zu befürchten, dass die Sturmflut allein in Hamburg mehrere tausend Tote gefordert habe bzw. fordern würde, wenn nicht schnellstmöglich auch militärische Hilfe in Anspruch genommen werde. Da Helmut Schmidt zuvor als Abgeordneter des Bundestages mit Verteidigungsangelegenheiten[42] befasst war und die meisten Kommandierenden der NATO persönlich kannte, konnte er noch am Morgen des 17. Februar, obwohl verfassungsrechtlich nicht dazu befugt, NATO-Streitkräfte und hier insbesondere Pioniertruppen mit Sturmbooten sowie 100 Hubschrauber der Bundeswehr und der Royal Air Force anfordern, welche die ca. 25.000 zivilen Helfer u.a. des Deutschen Roten Kreuzes, des Technischen Hilfswerkes und der schon seit Beginn der Katastrophe im Dauereinsatz befindlichen Feuerwehren unterstützten.
Der elf Kilometer lange Hindenburgdamm verbindet die nordfriesische InselSylt mit dem Festland von Schleswig-Holstein. Er wurde am 1. Juni 1927 nach einer Bauzeit von vier Jahren eröffnet und dient ausschließlich dem Eisenbahnverkehr. Er ist Teil der Marschbahn von Hamburg nach Westerland. Ursprünglich eingleisig erbaut, später mit einer Ausweiche versehen, ist er seit 1972[1] durchgehend zweigleisig. Bei seiner Erbauung war der Damm noch 11,3 km lang, heute misst er aufgrund von Landgewinnung und Eindeichungsmaßnahmen im Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog lediglich knapp 9 Km.
Namensgebung
Der Damm wurde nach dem damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg benannt, der die Eisenbahnverbindung am 1. Juni 1927 eröffnete und als erster offizieller Bahnpassagier vom Festlandbahnhof Klanxbüll nach Westerland auf Sylt fuhr. Einen offiziellen Namen hatte der Damm bei der Einweihung nicht. Erst beim Einweihungsbankett wurde die Bezeichnung „Hindenburgdamm“ von Sylter Bürgern geprägt und setzte sich schließlich durch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Name lange Zeit in der Kritik, da Hindenburg wegen seiner zögerlichen Haltung als Wegbereiter Adolf Hitlers gesehen wurde. Es gab zahlreiche Initiativen, den Damm umzubenennen. Vorschläge wie „Sylt-Damm”, „Friedens-Damm” und „Nordfriesland-Damm” konnten sich jedoch nicht durchsetzen.
Bahnverkehr / Autoverladung
Ab 1932 wurden auch Autos mit dem Zug nach Sylt befördert. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurden sie nach Sylt nur als Wagenladungen transportiert. Täglich wurde ein Güterzug gefahren, der während der Sommersaison um einen reinen Kfz-Güterzug täglich ergänzt wurde.
Die Fahrzeuginsassen durften ab 1950 im Fahrzeug verbleiben, die nun nicht mehr mit Sicherungsseilen verzurrt wurden. Ab 1951 gab es spezielle Autotransportzüge, die als Naheilzüge behandelt wurden. Anfangs reichten vier Autozüge täglich. Im Folgejahr wurden sechs Autozüge pro Tag gefahren. Bald drohte die Autobeförderung zum Engpass zu werden und der Wunsch nach dem Bau einer Straßenverbindung nach Sylt wurde immer lauter. 1955 wurden zur Kapazitätssteigerung Kreuzungsmöglichkeiten auf dem Damm und auf dem Festland bei Lehnshallig geschaffen. Ostern 1957 wurden 450 Fahrzeuge übergesetzt. Nach Abschluss der Beschleunigungsarbeiten wurde die Strecke bis Morsum auf Sylt 1957 zur Hauptbahn heraufgestuft. Ab 1960 wurden Kraftfahrzeuge nur noch in reinen Autozügen befördert. 1961 wurden neue doppelstöckige Autotransportwagen in Betrieb genommen. 1964 kamen neue doppelstöckige Gliedertransportwagen zum Einsatz. Seit einigen Jahren verkehren die Züge als Sylt Shuttle. Seit 1997 ist für den Autoverladeverkehr die DB AutoZug zuständig.
Am 20. Januar 2011 entschied das Oberverwaltungsgericht in Münster, dass DB AutoZug Bedingungen festlegen muss, wie die Verladeterminals von anderen Anbietern mitgenutzt werden können.[3]
Sonstiger Bahnverkehr
Im Personenfernverkehr dient der Hindenburgdamm vor allem dem Transport von Urlaubern nach Sylt. Mehrmals täglich verkehren Intercity-Züge über den Damm. Regionalzüge der Nord-Ostsee-Bahn fahren etwa im Stundentakt; sie dienen unter anderem dem Transport von Pendlern aus dem Bereich Niebüll. Auch Güterverkehr zur Versorgung der Insel findet über den Hindenburgdamm statt.